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Zertifizierung: was ist das eigentlich?

„Wir sind zertifiziert.“ Ein Satz der uns in der Bioökonomie sehr häufig begegnet. Allerdings sagt dieser Satz für sich genommen noch wenig aus. Entscheidend ist, nach welchem Standard, durch wen, für welchen Teil des Unternehmens oder welches Produkt und mit welcher Aussage zertifiziert wurde. In diesem Text wollen wir diesen vier Fragen nachgehen.

Zertifizierung ist ein Verfahren, in dem eine unabhängige dritte Stelle prüft und bestätigt, dass ein ein Produkt, ein Prozess, ein Standort oder eine Organisation festgelegte Anforderungen aus einem Standard erfüllt. Das Ergebnis ist ein Zertifikat mit einem definierten Geltungsbereich und einer begrenzten Laufzeit.

Standard, Zertifizierung und Akkreditierung: verschiedene Elemente eines Systems

Diese folgenden drei Elemente spielen eine zentrale Rolle im Rahmen von Zertifizierungsprozessen:

·        Der Standard, auch Regelwerk oder Zertifizierungssystem genannt, definiert die Anforderungen die zu überprüfen sind. Der Standard übersetzt allgemeine Ziele wie „nachhaltige Biomasse“ in überprüfbare Einzelanforderungen: z.B. Flächen dürfen nach einem Stichtag nicht umgewandelt worden sein, Mengenströme müssen dokumentiert sein, Treibhausgasemissionen sind nach einer festgelegten Methodik zu berechnen. Der Standardgeber definiert zusätzlich wie die Einhaltung dieser Anforderungen in der Praxis, durch die Zertifizierungsstellen erfolgt.

·        Die Zertifizierung prüft die definierten Standardanforderungen gemäß der festgelegten Regeln. Dieser Schritt wird durch unabhängige Zertifizerungsstellen durchgeführt und erfolgt nach einem definierten Turnus, mit definierter Stichprobengröße und mit definierten Konsequenzen bei Abweichungen.

·        Die Akkreditierung prüft bzw. überwacht die Prüfer. Sie stellt sicher, dass eine Zertifizierungsstelle fachlich kompetent, unparteiisch und verfahrenssicher arbeitet. In Deutschland erfolgt dies durch die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS), bspw. auf Basis der Normen ISO/IEC 17065 und ISO/IEC 17021.

·        Ein Zertifikat ist das Ergebnis dieses Prozesses und der Nachweis über die Konformität mit den Anforderungen des Standards.

Wer prüft eigentlich wen?

In einem funktionierenden Zertifizierungssystem sind vier Rollen voneinander getrennt. Diese Trennung und nicht das Logo auf dem Zertifikat ist die eigentliche Quelle der Glaubwürdigkeit.

Abbildung 1: Rollenverteilung in einem Zertifizierungssystem. Die Unabhängigkeit der Prüfung entsteht durch die Trennung der verschiedenen Ebenen.

Für Sie als Unternehmen bedeutet das praktisch: Sie wählen ein passendes Zertifizierungssystem und eine geeignete Zertifizierungsstelle.

Eigenerklärung, Kundenaudit oder unabhängige Prüfung?

Nicht jeder Nachweis der im Kontext der Bioökonomie kommuniziert wird entspricht dem beschriebenen Konzept der Zertifizierung. Die grundsätzliche Konformitätsbewertung kennt mindestens drei Stufen, die sich in ihrer Belastbarkeit deutlich unterscheiden:

–  Eigenerklärung (First Party): Ihr Unternehmen erklärt selbst, dass bestimmte Anforderungen erfüllt sind. Aufwandsarm, im regulierten Umfeld und gegenüber kritischen Kunden aber meist nicht ausreichend.

–  Kunden- oder Lieferantenaudit (Second Party): Ihr Abnehmer prüft selbst. Belastbar, aber nicht übertragbar. Jeder weitere Kunde prüft erneut.

–  Zertifizierung durch unabhängige Dritte (Third Party): Eine akkreditierte Stelle ohne wirtschaftliches Interesse an Ihrem Geschäft prüft. Nur diese Form wird in regulierten Märkten anerkannt und gegenüber vielen Abnehmern gleichzeitig akzeptiert.

Was genau wird zertifiziert?

Zertifiziert wird immer ein klar abgegrenzter Geltungsbereich (Scope). Er umfasst typischerweise:

–  den Standort oder die Standorte, die in die Prüfung einbezogen sind,

–  die Funktion in der Lieferkette in der Terminologie der Biokraftstoffzertifizierung bspw: die Schnittstelle, also etwa Erstverarbeiter, Händler oder Konversionsanlage,

–  die Materialien und Produkte, die unter das Zertifikat fallen,

Bevor Sie ein Lieferantenzertifikat akzeptieren, lohnt deshalb immer der Blick auf den Geltungsbereich: Ein gültiges Zertifikat, das den konkret gelieferten Materialstrom nicht abdeckt, hilft Ihnen nicht weiter.

Wie  Produkteigenschaften über eine Lieferkette kommuniziert werden:  Chain of Custody Modelle

Biomasse bzw. Rohstoffe und Produkte der Bioökonomie werden gemischt, gelagert, umgeschlagen und verarbeitet. Damit die zertifizierte Eigenschaft dabei nicht verloren geht, braucht es ein Modell der Nachverfolgung über die Wertschöpfungskette. Die international gebräuchliche Systematik ist in der Norm ISO 22095 beschrieben und kennt vier Grundmodelle.

Abbildung 2 Die vier Modelle der Produktkettenverfolgung (Chain of Custody) in Anlehnung an ISO 22095.

Für die Praxis ist dies die wichtigste Unterscheidung überhaupt. Der weitaus größte Teil der Zertifizierung im Energie- und Chemiebereich arbeitet mit der Massenbilanz: Zertifizierte und nicht zertifizierte Mengen dürfen physisch gemischt werden, buchhalterisch darf aber nur genau die Menge als zertifiziert weiterverkauft werden, die zuvor als zertifiziert eingekauft wurde. Das erlaubt es, bestehende Anlagen ohne bauliche Trennung zu nutzen – setzt aber eine belastbare Mengenbuchführung über definierte Bilanzierungszeiträume voraus.

Book and Claim, also der vollständig vom Warenstrom entkoppelte Nachweishandel, ist im Anwendungsbereich der Erneuerbare-Energien-Richtlinie nicht zulässig. In anderen Marktsegmenten kommt das Modell vor – wer damit argumentiert, sollte die Unterschiede kennen und offenlegen.

Abgrenzung des Zertifikatsberichtes

Im deutschen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff „Zertifikat“ grundverschiedene Dinge. Gemeint sein kann bspw:

–  der Konformitätsnachweis um den es in diesem Text durchgehend geht, die Bestätigung, dass ein geprüfter Gegenstand definierte Anforderungen erfüllt;

–  ein handelbares Emissionszertifikat oder eine Emissionsgutschrift, ein Anrechnungsinstrument im Klimaschutz, das mit Konformitätsbewertung nichts zu tun hat.

Ebenfalls zu trennen: Ein Siegel oder Label ist das nach außen sichtbare Kommunikationsinstrument. Es kann auf einer Zertifizierung beruhen, muss es aber nicht. Umgekehrt führen viele Zertifizierungen, etwa im Business-to-Business-Bereich, gar nicht zu einem Zeichen auf dem Produkt.

Auf einen Blick

Standard = was gefordert wird.
Zertifizierung = wie geprüft wird.
Akkreditierung = wer prüfen darf.
Zertifiziert wird immer ein definierter Geltungsbereich, zum Beispiel ein Produkt oder ein Prozess.
Die Massenbilanz ist das in der Bioökonomie dominierende Modell der Produktkettenverfolgung.
Ein Zertifikat bestätigt die Erfüllung festgelegter Kriterien, nicht Nachhaltigkeit im Allgemeinen.