Welche Zertifikate gibt es in der Bioökonomie?
Die Zahl der Zertifizierungssysteme mit Bezug zur Bioökonomie geht in die Hunderte. Für die Orientierung hilft es wenig, sie einzeln zu kennen, hilfreich kann es sein, verschiedene Typen an Zertifikaten zu unterscheiden. Denn Systeme desselben Typs sind oft austauschbar, Systeme unterschiedlicher Typen so gut wie nie.
Zuerst: Wo in der Wertschöpfungskette setzt eine Zertifizierung an?
Verfügbare Systeme decken jeweils bestimmte Stufen der Wertschöpfungskette ab. Diese Reichweite entscheidet darüber, ob ein System für Sie und Ihre spezifische Position in der Kette überhaupt in Frage kommt.
Verschiedene Typen der Zertifizierung im Überblick
Typ |
Was nachgewiesen wird |
Beispiele für Systeme |
Wofür relevant? |
|---|---|---|---|
Zertifizierung nach RED III |
Nachhaltigkeits- und Treibhausgaskriterien für Biomasse zur energetischen Nutzung. |
ISCC EU, REDcert-EU, SURE, RSB, Bonsucro EU-RED, PEFC-RED |
RED III, Biokraftstoff- und Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung, Quoten- und Förderfähigkeit |
Standards zum Nachweis von Rohstoffherkunft und -erzeugung mit Chain of Custody |
Herkunft und verantwortungsvolle Erzeugung des Rohstoffs, Rückverfolgbarkeit |
FSC, PEFC, RSPO |
Kundenanforderungen, öffentliche Beschaffung, Sorgfaltspflichten |
Freiwillige Standards zur Nachverfolgbarkeit von Rohstoffherkünften und -eigenschaften sowie Nachhaltigkeitsstandards (zum Beispiel für die stoffliche Nutzung) |
Nachhaltigkeit und Rückverfolgbarkeit biobasierter und recycelter Materialien außerhalb des Bioenergie |
ISCC PLUS, RSB Advanced Products |
Anforderungen von Kunden, Differenzierung im Markt |
Produkteigenschafts-Zertifikate |
Messbare Eigenschaften des Produkts, insbesondere biobasierter Kohlenstoffanteil und Abbaubarkeit |
DIN-Geprüft biobasiert, OK biobased, Kompostierbarkeit nach EN 13432 |
Produktkommunikation, Ausschreibungen, Normkonformität |
Treibhausgas- und Fußabdrucknachweise |
Emissionen eines Produkts oder einer Menge, teils auch Kohlenstoffentnahmen |
ISCC CFC, GHG product protocol |
Berichtspflichten, Kundenvorgaben, Klimaziele der Abnehmer |
Managementsystem-Zertifizierungen |
Organisatorische Steuerung und kontinuierliche Verbesserung |
ISO 9001, ISO 14001, ISO 50001, EMAS |
Kundenanforderung, interne Effizienz, Genehmigungspraxis |
Was ein Zertifikat aussagt – und was nicht
Der häufigste Fehler bei der Systemauswahl besteht darin, von einem Zertifikat eine Aussage zu erwarten, die es gar nicht treffen kann. Ein Beispiel: Ein Prüfzeichen für den biobasierten Kohlenstoffanteil bestätigt einen im Labor bestimmten Messwert, trifft aber keine Aussage darüber, ob der Rohstoff nachhaltig angebaut wurde oder ob das Produkt biologisch abbaubar ist. Umgekehrt weist eine Kettenzertifizierung nach RED III die Nachhaltigkeit der Biomasse nach, sagt jedoch nichts über den messbaren biobasierten Anteil im Endprodukt.
Aus dieser Systematik folgt, dass Mehrfachzertifizierung in bestimmten Bereichen der Bioökonomie häufig vorkommt. Ein Unternehmen, das biobasierte Polymere herstellt und sowohl in regulierte Kraftstoffmärkte als auch in die Konsumgüterindustrie liefert, benötigt häufig mehrere Nachweise nebeneinander.
Genau hier entstehen aber auch Synergien. Viele Systeme haben Überschneidungen im Bereich der Anforderungen an Dokumentation und Massenbilanzierung und einzelne Systemgeber bieten mehrere Standards an, die in einem kombinierten Audit geprüft werden können. Welche Kombinationen möglich sind, lässt sich in der TransBIB-Datenbank recherchieren.
Anerkennung, Marktakzeptanz und Glaubwürdigkeit
Drei Begriffe, die in der Systemauswahl immer wieder verwechselt werden, aber unterschiedliche Bedeutungen haben:
– Anerkennung ist ein formaler Akt in der eine bestimmte Autorität, zum Beispiel die EU Kommission, die deutsche Akreditierungsstelle oder ein Standardgeber eine andere Entität für den Zertifizierungsprozess anerkennt eine bestimmte Rolle auszuführen. Im Anwendungsbereich der Erneuerbare-Energien-Richtlinie prüft beispielsweise die Europäische Kommission freiwillige Systeme und erkennt sie an. Wichtig zu wissen: Diese Anerkennung ist keine Voraussetzung dafür, dass ein System zertifizieren darf, sie ist eine Voraussetzung dafür, dass die Nachweise unionsweit als Beleg für die Erfüllung der Nachhaltigkeitskriterien gelten.
– Marktakzeptanz ist eine faktische Größe: Welches System verlangen Ihre Abnehmer tatsächlich? In einigen Branchen ist die Antwort eindeutig, in anderen bestehen mehrere Systeme nebeneinander.
– Glaubwürdigkeit wird von verschiedenen Elementen des Systems beeinflusst, bspw. Transparenz des Regelwerks, Unabhängigkeit der Governance, Umgang mit Beschwerden, Häufigkeit und Tiefe der Audits.
Auf einen Blick
Systeme desselben Typs sind häufig austauschbar, Systeme unterschiedlicher Typen fast nie.
Prüfen Sie zuerst, welche Stufe der Wertschöpfungskette ein System abdeckt.
Mehrfachzertifizierung ist der Normalfall – Synergien lassen sich gezielt heben.
Sorgfaltspflichten nach EUDR oder LkSG sind keine Zertifizierung und werden durch Zertifikate nicht ersetzt.