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Löwenzahn-Kautschuk und Paludikultur: Zwei Wege aus dem Henne-Ei-Problem der Bioökonomie

Löwenzahn-Kautschuk klingt nach Kuriosität – ist aber ein ernsthaftes Forschungsprogramm von Continental. Und es zeigt exemplarisch, worum es in der Bioökonomie wirklich geht: Wenn kein Markt da ist, investiert niemand. Und wenn niemand investiert, entsteht kein Markt. Dieser Kreislauf blockiert viele Rohstoffwenden. 

In der TransBIB Learning Lounge haben Dr. Carsten Venz vom Taraxagum Lab Anklam und Anke Nord vom Greifswalder Moor Zentrum gezeigt: Es gibt Wege aus dem Dilemma – aber sie brauchen Zeit, Mut und politische Rückendeckung. 

Worum geht es beim Henne-Ei-Problem in der Bioökonomie? 

Das Henne-Ei-Problem beschreibt einen Lock-in-Effekt: Landwirte und Produzenten wollen nur umstellen, wenn es einen gesicherten Absatzmarkt gibt. Abnehmer wollen nur investieren, wenn die Rohstoffversorgung gesichert ist. Beide warten auf den anderen – und nichts passiert. 

In der Bioökonomie ist dieses Muster besonders ausgeprägt. Neue Rohstoffe wie Löwenzahn oder Moor-Biomasse haben keine Handelsgeschichte. Es gibt keine Marktpreise, keine Lieferketten, keine Standards – alles muss gleichzeitig aufgebaut werden. Der erste, der sich bewegt, trägt das volle Risiko. 

Das Henne-Ei-Problem ist kein Versagen des Marktes – es ist das typische Merkmal jedes Systemwechsels. 

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Wie Continental den Löwenzahn-Kautschuk entwickelt 

Naturkautschuk ist die Grundlage für über 40.000 Produkte des täglichen Lebens. Reifen allein verbrauchen 70 Prozent der weltweiten Produktion. Das Problem: Heute kommt Naturkautschuk fast ausschließlich vom Kautschukbaum Hevea brasiliensis – zu 90 Prozent in Südostasien, überwiegend in Monokultur. 

Das birgt strukturelle Risiken. Der Genpool ist eng. Eine Blattfallkrankheit, die in Brasilien heimisch ist, hat dort den Plantagenanbau faktisch unmöglich gemacht. Neue Plantagen tragen erst nach sieben Jahren. 2016 entschied Continental, das Problem grundlegend anders zu lösen – mit dem russischen Löwenzahn (Taraxacum koksaghyz). 

Warum Löwenzahn? Europäische Arten enthalten weniger als 0,5 % Naturkautschuk in der Wurzel. Der russische Löwenzahn bringt in der Wildform 3–5 %, das Züchtungsziel liegt bei 10–15 %. Der Kautschuk steckt in sogenannten Latizifären – Latexgefäßen in der Wurzel – und ist dem Hevea-Kautschuk chemisch identisch. 

2012: Erste Kautschuk-Flocken im Fraunhofer Institut Münster 

2014: PKW-Prototypreifen (1–3 kg Naturkautschuk pro Reifen) 

2016: LKW-Prototyp (bis zu 25 kg pro Reifen); Entscheidung Continental 

2017: Spatenstich Taraxagum Lab Anklam 

2018: Eröffnung Taraxagum Lab (Herbst) 

2019: Erster Serienreifen: Fahrradreifen mit Löwenzahn-Lauffläche 

„Es gibt immer Landwirte, die gerne mitmachen möchten – und genauso viele, die sagen: Solange ihr kein gutes Konzept habt, mit dem ihr uns etwas an die Hand gebt, brauchen wir noch nicht bei euch mitmachen.“

Dr. Carsten Venz, Standortleiter Taraxagum Lab Anklam, Continental

Das Geschäftsmodell ist klar: Continental trägt das Risiko selbst – und baut die gesamte Wertschöpfungskette von der Züchtung bis zum Reifen intern auf. 

Welche Herausforderungen bremsen den Löwenzahn-Kautschuk? 

Löwenzahn wächst in jedem Garten. Als Kulturpflanze auf Ackerland zu etablieren ist eine andere Aufgabe. 

Unkrautkontrolle: Der russische Löwenzahn kann sich noch nicht gegen einheimische Unkräuter behaupten. Herbizide scheiden aus – sie wirken auch gegen Löwenzahn. Continental arbeitet mit Kameratechnik und mechanischen Hackgeräten. 

Erntetechnik: Es gab bis vor wenigen Jahren keinen Löwenzahn-Roder. Continental startete mit einer modifizierten Kartoffelrodemaschine. Eigene Erntetechnik ist aktiver Forschungsgegenstand. 

Verunreinigungen: Begleitpflanzen mit holzigen Wurzeln und sogar Polypropylen-Strohbänder aus den 1970er Jahren landen im Kautschuk und müssen aufwendig abgetrennt werden. 

Kaskadennutzung: Inulin als zweites Standbein
Löwenzahnwurzeln enthalten neben Kautschuk auch Inulin – einen Speicherzucker, der auch in Chicorée vorkommt. Südzucker hat die Inulin-Nutzung in einem EU-Projekt erprobt. Die Kopplung beider Verwertungsströme ist Teil des wirtschaftlichen Gesamtkonzepts. Industriell skalierbar rechnet Dr. Venz in 10–15 Jahren.

Die Hürden beim Löwenzahn-Kautschuk sind real – aber lösbar, wenn ein ausreichend großer Akteur die Entwicklungsphase vollständig selbst finanziert. 

Paludikultur: Wenn Moorschutz zur Rohstoffquelle wird 

Moore bedecken in Deutschland rund 5 Prozent der Landfläche – und sind für 7 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Der Anteil steigt, weil andere Sektoren bereits reduzieren. 

Das Paradox: Natürliche Moore sind CO₂-Senken. Entwässerte Moore werden zu CO₂-Quellen. Wenn der Wasserstand absinkt, gelangt Sauerstoff an den gespeicherten Torf und oxidiert ihn. Allein in Mecklenburg-Vorpommern fehlen durch Jahrzehnte der Entwässerung vier Kubikkilometer Wasser – mehrfache Füllmenge der Müritz. 

Paludikultur ist die produktive Nutzung von nassen oder wiedervernässten Moorböden. Sie verbindet, was bisher als Widerspruch galt: Moorschutz und landwirtschaftliche Produktion. 

Produkt 

Quelle 

Anwendung 

Torfmoos 

Hochmoor-Aufwuchs 

Torfersatz in Substraten 

Rohrkolben (Typha) 

Niederungsmoor 

Tyferboard (Baustoff), Fasagus-Verpackung 

Schilf 

Feuchtgebiete 

Energie, Dämmstoffe 

Für den deutschen Torfersatz-Markt wären rund 35.000 Hektar Torfmoos-Paludikultur nötig. In Niedersachsen allein gibt es über 200.000 Hektar entwässerter Hochmoore – das Potenzial ist vorhanden. 

Seit 1998 (erste Publikation von Hans Joosten) hat das Konzept einen langen Weg zurückgelegt: 2010 erstes großes Forschungsverbundvorhaben (VIP), 2015 Greifswalder Moor Zentrum, 2021 vier Moorpiloten auf 10 Jahre, 2022 Integration in den GAP-Strategieplan, 2023 erste dedizierte Horizon-Europe-Calls, 2024 zweite Säule Förderung + Allianz der Pioniere. 

Paludikultur verbindet Klimaschutz, Rohstoffproduktion und Flächenerhalt – eine Dreifachsynergie, die in der Bioökonomie selten ist. 

Welche Strategien lösen das Henne-Ei-Problem wirklich? 

Beide Fallstudien zeigen unterschiedliche Ansätze – und sie ergänzen sich. 

Continental-Modell – Vertikale Integration: Ein Großkonzern übernimmt die gesamte Wertschöpfungskette selbst, finanziert die Vorlaufphase intern und wartet nicht auf den Markt. Möglich nur für Akteure mit ausreichend Kapital und strategischem Zeithorizont. 

Allianz der Pioniere – Kollektives Marktcommitment: Große Markenunternehmen committen sich öffentlich zur Nutzung von Paludikultur-Biomasse in ihren Lieferketten. Der Otto-Versandkarton aus Moor-Biomasse war das erste erfolgreich pilotierte Produkt. Die Allianz schafft Abnahmesignale, bevor ein funktionierender Markt existiert. 

Freiwillige vs. gezwungene Pioniere: Startups wie Zukunft Moor wählen strategisch das marktreifste Produkt (Torfmoos). Landwirte mit bereits vernässten Flächen suchen aus der Not heraus neue Verwertungsoptionen – und werden so zu unfreiwilligen Innovationstreibern. 

2024 lag der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Strommix bei fast 60 Prozent. Das EEG hat funktioniert. Die Frage ist: Lässt sich dieses Modell auf Paludikultur und andere nachwachsende Rohstoffe übertragen? 

Ansatz 

Träger 

Zeithorizont 

Voraussetzung 

Vertikale Integration 

Großkonzern 

10–15 Jahre 

Eigenkapital, strategischer Mut 

Kollektives Commitment 

Markenunternehmen 

5–10 Jahre 

Koordination + public Commit 

Politische Markteinführung 

Gesetzgeber 

5–20 Jahre 

Politischer Wille + Regulierung 

Pionier-Startup (Nische) 

Startups / Betriebe 

3–7 Jahre 

Marktreife Nische, Kapital 

Die Antwort lautet nicht entweder/oder – sondern alle vier Ansätze gleichzeitig, auf unterschiedliche Marktsegmente zugeschnitten. 

TransBIB: Vernetzung für die Biomassewende 

TransBIB – das Transfernetzwerk zur Beschleunigung der industriellen Bioökonomie – fördert genau diese Übergänge: von der Idee zur Pilotanlage, vom Piloten zur Skalierung. Im TransBIB-Kompetenzpool treffen Forschende auf Technologieanbieter und potenzielle Abnehmer. 

Arbeitest du an einem Biomasse-Rohstoffprojekt und stehst vor dem Henne-Ei-Dilemma? Die TransBIB-Matching-Plattform bringt zusammen, was zusammengehört – bundesweit, niedrigschwellig, direkt. 

Alle weiteren Angebote findest du ebenfalls im TransBIB One-Stop-Shop